Falkennest-Alltag

Zauber am Gruppenabend

Jeden Montag treffen wir uns im Falkennest zu einem Gruppenabend mit unseren Bewohnerinnen und Bewohnern. Diese Abende sind mehr als nur ein fester Termin in unserem Kalender. Sie sind ein Raum der Begegnung, des Austauschs und des gemeinsamen Erlebens. Hier können Gedanken, Gefühle und Sorgen geteilt werden. Gelegentlich bereitet das Team einen Input zu einem Thema vor, das uns alle betrifft, zum Beispiel: Entwicklung, Zusammenleben, psychische Gesundheit oder andere aktuelle Fragen, die unsere Gemeinschaft bewegen.

An einem besonderen Abend übernahm Lukas Spinnler, Leiter des Falkennests, den Input zum Thema «Hoffnungsindikatoren». Ein sensibles und herausforderndes Thema, denn viele unserer Bewohnerinnen und Bewohner erleben Phasen der Perspektivlosigkeit und wissen oft nicht, wie sie einen Hoffnungsschimmer wahrnehmen sollen.

In kleinen Gruppen von zwei bis drei Personen sollten sie zwei bis drei Dinge aufschreiben, die ihnen Hoffnung geben. Für manche war die Aufgabe beinahe eine Zumutung. Einige Gruppen schafften es kaum, mehr als ein Wort niederzuschreiben. Doch gerade diese Einfachheit sollte sich später als kraftvoller Moment erweisen.

Der besondere Zauber entstand, als die Gruppen ihre Ergebnisse vortrugen. Nachdem die erste Gruppe ihre wenigen Worte leise vorgetragen hatte, klatschte ein Bewohner schüchtern in die Hände. Die anderen griffen den Impuls auf und machten mit. Ein Applaus, erst zaghaft, dann immer sicherer, füllte den Raum. Mit jedem weiteren Beitrag wurde das Klatschen lauter. Es war, als würde jeder Applaus ein kleines Licht entzünden, nicht nur für jene, die ihre Gedanken teilten, sondern für alle, die im Raum sassen.

Am Anfang waren viele Teilnehmende zurückhaltend, fast scheu über ihre wenigen Worte. Doch als sie spürten, dass jedes Wort willkommen war, wuchs etwas in der Gruppe: Mut. Ein leises, aber starkes Zeichen dafür, dass Hoffnung manchmal in den kleinsten Dingen liegt und dass Gemeinschaft sie sichtbar machen kann.

 

Lehrabschluss trotz Corona

Corona ist nicht das einzige, was das Leben von Mike (27) beeinträchtigte. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz: Mike absolvierte die Abschlussprüfung als Automechaniker.

«Ganz plötzlich durften wir uns nicht mehr die Hand geben. Man bekam Angst, wenn jemand hustete.» Für Mike war die Corona-Zeit einschneidend aber auch lehrreich. «Man muss besser aufeinander schauen. Und seine Ämtli noch gründlicher machen. Vor allem die Küche muss picobello sein», führt Mike aus. Gegessen wird nacheinander und nicht mehr am selben Tisch. Die Tagesstruktur mit dem gemeinsamen Essen fehlt Mike.

Prüfung mit Corona-Regeln
Aber nicht nur wegen Corona war die Zeit aussergewöhnlich: Er stand mitten in der Abschlussprüfung zum Automechaniker. Auch am Arbeitsplatz musste Mike die Hygiene-Vorschriften gemäss BAG einhalten. Aber Angst, dass er die Prüfung nicht machen könne, hatte er trotzdem nicht. Wenn auch die praktische Prüfung wegen der Pandemie etwas anders als sonst ausfiel: «Wir mussten immer wieder die Hände desinfizieren. Die Prüfung dauerte auch nur einen Tag statt zwei Tage.»

Automechaniker statt Einbrecher
Corona konnte Mike nicht von seinem Abschluss abhalten. Da gab es andere Dinge, die in seinem Leben krumm liefen. Mike‘s Aufenthalt in der Wohngemeinschaft ist nämlich nicht freiwillig. Es ist die Strafe für seine Einbrecher-Karriere. Aber ist es wirklich nur eine Strafe? Im ersten Jahr empfand er es so. Immer wieder fiel er in alte Muster. Aber dann entwickelte er eine neue Sicht und erkannte, dass sein Leben eine Perspektive hat.

Lehre geschafft, dank Falkennest
Er begann seine Lehre, die er jetzt abschliessen konnte: «Ich glaube nicht, dass ich das ohne das Falkennest geschafft hätte!» Und geschafft hat er es tatsächlich! Als ausgebildeter Automechaniker sucht er jetzt eine Anstellung als Mechaniker oder als Verkehrskadett.

 

«Der Umgang mit anderen Menschen ist wie ein Geheimnis»

Sabine lebt seit 2015 im Falkennest. Im Moment macht sie auf der Geschäftsstelle des Jugendsozialwerks ein Praktikum. Dieser Bericht ist ein Resultat ihrer Arbeit.

Am Falkennest hat mich angesprochen, dass man hier das Augenmerk auf die Ausbildung und die Arbeit richtet. Man wird etwas ins kalte Wasser geworfen und es braucht sehr viel Disziplin. Genau das wollte ich lernen. Gut fand ich, dass die Betreuer den jungen Erwachsenen auf Augenhöhe begegnen. Anfangs fand ich es anstrengend, dass wir so viel putzen müssen. Man hat im Durchschnitt drei Putzaufgaben pro Woche: das eigene Zimmer, die Küche und weitere Teile des Hauses. Wenn man diese Aufgaben nicht erledigt, gibt es 20 Franken Abzug vom Taschengeld. 

Ich bin bei Pflegeeltern aufgewachsen und lebte später in einer betreuten WG. Ich hatte Mühe, mich auf meine Zukunft vorzubereiten. Als Jugendliche musste ich vieles nachholen, was andere schon viel früher gelernt hatten. So war es für mich schwierig, mich auf die Aussenwelt zu konzentrieren. Ich musste und wollte meine sozialen Kompetenzen aktivieren und lernen, wie man mit anderen Menschen umgeht. Das war für mich wie ein Geheimnis. Ich habe mir vorgenommen, dass ich mein Leben als normale junge Frau meistern kann. Die Betreuer sind auf eine nette Weise streng zu mir. Das hilft mir, neue Verhaltensweisen einzuüben. 

Als ich einzog, musste ich mich zuerst daran gewöhnen, mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuleben. Ich war schüchtern und ängstlich. Mit der Zeit verschwanden die Ängste. Ich merkte, dass andere Jugendliche auch ihre Schwierigkeiten haben und es bei ihnen auch nicht so leicht abgeht, wie die Medien es vorspielen. Das hat mir gut getan und nahm mir viel Selbstdruck.

Mir wurde zum Glück eine passende Bezugsperson zugeteilt, die Geduld hat, verständnisvoll ist und mich gut motivieren kann. Mit ihr habe ich jede Woche ein Gespräch. Sie gibt mir Rückmeldungen zu meiner Entwicklung. 

Als ich ins Falkennest kam, habe ich mir folgende Ziele gesetzt: aufgeschlossen werden, Stabilität im Alltag gewinnen und selbständig werden. Ein zentrales Ziel ist, eine Ausbildung zu machen. Mittlerweile bin ich bereit dafür. Ich bin so weit, weil ich es selber wollte und weil ich die vorhandene Unterstützung auch nutzte.

Mittlerweile fühle ich mich sehr wohl im Falkennest und pflege freundschaftliche Kontakte zu meinen Mitbewohnern und meistens auch zu den Betreuern. Ich würde gerne noch etwa 3 Jahre in dieser WG bleiben und hoffe, bis dahin meine Lehre fertig zu haben. Danach möchte ich in eine unbetreute WG ziehen und weiterhin den Kontakt zum Falkennest behalten.